Paul Egon Schiffers

Laudatio von Bruno Müller-Linow
anlässlich einer Ausstellung von Werken des Bildhauers

(Anmerkung des Webmasters: An einigen Stellen ist die Wiedergabe des Vortrages unwesentlich gekürzt worden; diese Stellen sind durch drei Sternchen "***" gekennzeichnet worden.)

Als vor nunmehr 30 Jahren Studierende meiner Malklasse - einer Akademieklasse an der Braunschweiger Werkkunstschule in Viewegs Garten- in einer Art von erster Kommunarde nach Wendhausen zogen, mit Meisterallüren und Matrazen- war die Nachbarklasse des Bildhauers Paul Egon Schiffers vor solcher Unruhe gefeit. War beim Müller-Linow so eine verfrühte kleine Studentenrevolte schon möglich, blieb bei Paul Egon Schiffers alles wohlgeordnet und verläßlich. Man modellierte wochenlang am Standbein, man ziselierte und schnitt feine Plaketten in Gips, Schiefer oder Onyx und man zeichnete, gnadenlos- wie es sich in einer echten Akademieklasse gehörte und gehört. Der junge Meister Schiffers- so um 45 Jahre alt und im Hessenkittel, korrigierend, verausgabte sich in der Vielschichtigkeit seiner gesuchten und bewunderten Korrektur, die, angereichert mit großem Wissen um den kunstpädagogischen Vorgang, ich heute noch beim Wiedersehen der damals frequentierten Räme in Wendhausen- unserer Sommerakademie- ohne Nostalgie bewundere.

Ich habe später als Ordinarius für Zeichnen, Malen und Plastik an einer Technischen Hochschule nirgendwo wieder diesen verläßlichen Anatomieunterricht getroffen, der damals von Schiffers seinen Schülern vermittelt wurde. Höchstens Basel hätte mit Bodmers Unterricht damit konkurrieren können. In dieser Lebenswerk-Ausstellung überfällt uns wieder das Staunen über diese schlafwandlerische Sicherheit des Bildhauers als Zeichner, der das vielschichtige Repertoire der Handzeichnung selber beherrscht und auch lehren kann. Ich darf daran erinnern, dass Paul Egon Schiffers von 1927 bis 1936 am Städel in der Nachbarschaft von Richard Scheibe und Beckmann die Aktzeichenklasse und die Anatomie lehrte. Und wir stellen uns da jetzt aus dem Abstand zu den Schifferschen Frankfurter Jahren am Mainquai vor, wie Paul Egon seine großen Tafeln für den Anatomieunterricht als pädagogische Interpretationen zeichnete, bis in die Nacht hinein, und Max Beckmann sitzt unter dem Gaslicht des Frankfurter Bahnhofes und trinkt sein Glas Sekt nach seinen immer seltener gewordenen Präsenzen am Städel, das so in der Nähe von Paris lag.

Wiechert war damals Direktor und Swarzenski leitete das Städelsche Kunstinstitut. Noch heute findet man in Frankfurter Galerien Schiffersche Aktzeichnungen- in der Prestel Galerie- die man in den Jahren der Fragwürdigkeit bei Buchholz in der Leipziger Straße sah und kaufen konnte, neben den Aquarellen von Gilles und Schmidt-Rotluff. Dort begegnete ich seinen im Relief und Bewegungsvorgang so sicheren Aktzeichnungen zum ersten Male. Man kannte Schiffers und gab ihm den Villa Romana-Preis und seine großartige Bronze der Stehenden, die unten im Schloßhof in ihrem Ernst und ihrer Einsamkeit kritischen Blicken standhält, wurde damals von "Scheibe-Kolbe" und von "Kampf", den Aufrechten von Berlin, besonders gewürdigt und geschätzt. Professor Albiker, der neben Kolbe und Scheibe wohl stärkste in der deutschen Plastik der 20er und 30er Jahre unternahm alles, um Paul Egon Schiffers nach Dresden an die Kunstakademie als Lehrer für Bildhauerei zu bekommen- aber Gauleiter Mutschmann war damals eben stärker als Albiker.In der Zwischenzeit entstanden sorgfältig ausgeführte Aufträge, Figuren, Plaketten, Zeichnungen und Reliefs bis zum Kriege. Kreise um Leo von König, Bruno Kroll und einem vernünftigen Braunschweiger Oberbürgerrmeister richteten- so um 1943- das Lehramt für Plastik an der damaligen Kunstgewerbeschule Braunschweig für den Soldaten Schiffers ein- in jenen Legende gewordenen Jahren , wo Ludwig Kaspar in Braunschweig die Schnitzel mehr schätzte als in Berlin. Als bei Kriegsende der Flüchtlingsstrom sich durch Braunschweig wälzte, war Kaspar schon tot, waren Schiffers und Müller-Linow mit vielen Schülern in der Dependance des "Vieweg Garten" ansässig- holten Harro Siegel und machten aus der Ruine des Architekten Uhde, der auch Wendhausen restauriert hatte- eine höchst lebendige Akademie, mit Tages- und Abendschulen, Festen und Lesungen. Viele von den damaligen Schülern und heute wieder Professoren, mancher Abendschüler sogar Professor an der Hochschule für bildende Künste oder TH, deren Fundament in langen Gesprächen zwischen Richard Voigt, Paul Egon Schiffers und Bruno Müller-Linow damals in Viewegs Garten entstand. Mir scheint es so zu sein, dass diese Jahre in Viewegs Garten für die geistige Substanz späterer Jahre dieser Stadt viel bedeutet haben, was sehr bewegliche Museumsdirektoren wie Bilzer und Müller-Hofstede schnell erkannten.
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Schiffers fällt angesichts des Motivs zunächst nichts weiter ein als es zu zeichnen und die Verbundenheit mit dem Wesen des Organischen schleicht sich bei jedem Zeichen- oder Modelliervorgang still und selbstverständlich ein, um ein Mehr zu zeigen: Zusammenhänge , knapp im Raum geklärte plastische Bezüge - alles ein Erbteil einer guten, geordneten akademischen Haltung, die auch bei unseren wenigen verläßlichen Abstrakten bemerkbar geworden ist. In Anbetracht des grandiosen Überfalls der drei Großen "B" bei uns Generationsgenossen- ich meine die Wucht von "Bauhaus", "Blauem Reiter" und "Brückekreis" ist das Beste dieser echten akademischen Substanz verschüttet worden- und was die Plastik anbelangt viel Außerplastisches hervorgekehrt worden. Es gehörte schon sehr viel dazu, seinen damals bei Richard Scheibe eingeschlagenen Weg nach Schifferschem Gesetz voranzutreiben und skeptisch allem Lautem gegenüber zu sein, allen "Oh Mensch Schreien", beim eigenen Bestand zu bleiben. Wenn bei einem Bildhauer die Vorgänge im Modelle sich nur wenig von der haptischen Handschrift Kolbes , Albikers und Scheibes unterscheiden und die sensationsgewohnten Pupillen das leise Eigene nicht mehr bemerken, dann kann es um einen Bildhauer stiller werden und die Luft des Aktuellen wird dünner und dünner.

Wer das reinplastische Werk von Paul Egon Schiffers mit ein paar Worten deuten oder interpretieren soll, zählt zunächst auf, was es nicht enthält und fügt sofort hinzu, dass es keinen Werkmechanismus beim Schiffers gibt und deshalb auch eine Entcodierung (im Frankfurter Soziologendeutsch) unmöglich ist. Wir suchen vergeblich in der Schifferschen Plastik nach Gags und Oberflächenskandalen. Alles war im Anfang in Ruhe und Distanz und ist es auch im Laufe der Jahre geblieben. Das Vokabular weist keine neuen und sensationellen Materialien auf- weder Schrott noch Metalladditionen und voluminöse Luftpumpenplastiken sind zu finden. Schiffers vertritt in der Tat keine typische Situation in der Gegenwartsplastik, die in erster Linie zeitgenössisch sein will und in der fatalen Rubrik des politisch Engagierten Lorbeeren sucht. Wer aber nun meint, einer konservativen Erstarrung zu begegnen, ist- besonders seit den späten 60er Jahren erstaunt und ertappt sich dabei, dass die Hand über eine von Schiffers so überzeugende Geste der Innerlichkeit streicheln möchte und dass einem in Ausstellungen so selten gewordene Bezeichnungen wie "entzückend" und "zauberhaft" über die Lippen kommen.

Wir kennen "Scheibes" reale, sächsisch berlinische Poesie- nicht ganz frei von der Geste des Monumentalen und in heligem Ernst geschaffene "Schadows" und "Hildebrands" beschwörende Bildhauergesinnung. Ich denke angesichtsder Schifferschen Interpretationen und plastischen Formulierungen mehr an Hildebrandsche Skizzen und erinnere mich plötzlich bei einem Antlitz in seiner beseelten Anmut an Köpfe des frühen 14. Jahrhunderts. Ich arbeite seit zwei Jahren an einem großen Elisabethfenster. Hier in der Ausstellung sah ich in einer gewandeten, nicht gewandten, Figur diese seit langem gesuchte Beseelung, plastisch und lyrisch zugleich, dass einem Eichendorf nahe kommt und man glaubt, dass die Lerchen des heiligen Franziskus im Raume schwirren.

Ich habe das Letzte sehr bedacht gesagt und den Vergleich mit den Vögeln des heiligen Franziskus nicht als Glanzlicht gemeint. Schffers Plastik wahrnehmen heißt auch wissen, dass sich hier jemand äußert, für den der Tod kein Betriebsunfall ist und der dem Freund über von ihm erfahrene Zusammenhänge Tiefes sagen kann, was Trost und Neugier schafft.
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Paul Egon Schiffers war fast drei Jahrzehnte Kunstlehrer, Professor und Dozent für Zeichnen, Anatomie und Bildhauerei, um nur einige der Fächer zu nennen. Dreißig Jahre Pädagogik- das heißt in der Praxis oft, dass viele Plastiken und Plaketten, viele Zeichnungen dem Raubtier Pädagogik zum Fraß hingeworfen werden müssen. Der Dompteur Schiffers hat es unter allen Zirkusdirektoren geschafft,und es gab durchaus schwierige Zirkusdirektoren, dass aus dem hungrigen Raubtier ein gezähmtes wurde, das samtweiche Pfoten später zeigte, denn Schiffers war ein Lehrer per excellence und aus einem leidenschaftlichen Eros heraus.
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Und wenn man den Gebildeten, gewissen Gruppen von heil gebliebenen Familien und ihren Gönnern, den kaufenden Ärzten und Professoren noch ein bißchen Werturteil zutrauen will, dann bekäme diese Schiffersche Ausstellung doch etwas in der Zeit liegendes: sie getraut sich, uns zu zeigen, dass das auf dem Grabstein Leo von Königs stehende Lied des Türmers auch für Schiffers gilt:

"Ihr glücklichen Augen, was je Ihr gesehen, es sei, wie es wolle, es war doch so schön...." Ich möchte mich dafür einsetzen, dass wir dem Schifferschen "wie es wolle" Toleranz schenken, weil dieses aus Ernst und Würde großer Menschlichkeit entstandene Werk es verdient.

Ich habe mich bei Ihnen zu bedanken, dass Sie dem alten Weggenossen die Ehre der Einführung gaben. Ich gestehe weiterhin, dass ich unter den vielen Freunden, die ich fand- drüben im Darmstädter Raum- niemand war, der den Reichtum des Schauens und eines hintergründigen Wissens hatte wie Schiffers, und als ich dann einen Maler fand- stellte es sich heraus, dass es ein Schiffersschüler aus der Städelzeit war.

Bruno Müller-Linow

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