Kommentar zum Lichtbildervortrag von Prof. Jürgen Weber
im Städtischen Museum Braunschweig
Egon Schiffers zum 100. Geburtstag
von Marianne Weber
Vornweg: Ohne genaues Sehen ist ein Kunstwerk nicht zu entdecken. Den Augensinn ersetzt keine Theorie. Er widerlegt Vorurteile, macht individuelle Schöpfung sichtbar. Sehend entdeckt man hinter der äußeren Form den Gehalt, die Qualität der Arbeit.
Paul Egon Schiffers, der ein sensibler Lehrer war, lehrte seine Schüler, dass die Plastik ihre eigene, sehr genaue, sichtbare und greifbare Sprache hat, was seine eigenen Skulpturen beweisen. 40 Jahre hat er in Braunschweig gelebt.25 Jahre an der "Meisterschule für das Handwerk", der späteren Kunsthochschule gelehrt, nach dem Krieg am Gewandhaus als Bildhauer mit Kollegen und Schülern die skulpturalen Bombenschäden beseitigt und erste Plastiken zur heilenden Belebung der zerstörten Stadt geschaffen.
Am 18.Oktober jährte sich sein hunderster Geburtstag und er wäre unbeachtet geblieben, wenn nicht der Bildhauer Jürgen Weber die Verantwortung übernommen hätte, das Lebenswerk des Künstlers den Braunschweigern ins Gedächtnis zu rufen. Im Städtischen Museum gab es zwar keine Ausstellung, aber einen Lichtbildervortrag Webers, der gründlich mit ideologischen Vorurteilen gegen Schiffers aufräumte. Das Bildmaterial lieferte die Fotografin Jutta Brüdern, die den im Atelier bewahrten Nachlass des Künstlers mit großer Sorgfalt dokumentiert hat.
Paul Egon Schiffers , 1903 in Aachen geboren, widmete sich in Zeichnungen und Skulpturen vorrangig dem klassischen Menschenbild. Gründliches Naturstudium war das Fundament seiner Arbeit. Bereits mit 26 Jahren unterrichtete er Aktzeichnen in Frankfurt an der Städel-Akademie. Seine zeichnerische Begabung, anatomische Beherrschung der Figur und souveräner Umgang mit den grafischen Ausdrucksmitteln belegten Bildbeispiele. Bei aller Hochachtung für expressionistische Zeitgenossen wie Barlach, Lehmbruck, Marcks, Nolde, Schmidt-Rottluf lehnte er für sich den Expressionismus ab. Ihn interessierte die plastische Darstellung der Natur, ihre formale Konzentration im Sinne ruhiger, gespannter Flächen und lebendig unter der Haut bewegter Formen. Schiffers ging es weder um einen Stil noch um ideologische Überhöhung des Menschenbildes. Das aber wurde dem begabten Realisten in der abstrakten Ära der Kunsthochschule unter Leitung des nationalsozialistischen Wendehalses *** zum Vorwurf gemacht. Mit künstlerischem Einfühlungsvermögen analysierte Jürgen Weber Schiffers Mädchen und Jünglinge, die Hockenden, Stehenden, den Schleudernden, die große Minze und die Goldene, ließ die zahlreichen Zuhörer Feinheiten der anatomischen-plastischen Haltung entdecken, die individuellen Gesichtszüge mit dem stillen Lächeln, die ruhige Introvertiertheit der Gestalten, die dem Wesen des Bildhauers gleichkommen, einschließlich des verschmitztenm Humors innerhalb einiger Themen. Von rassistischer Idealisierung keine Spur. Darüber hinaus hatte Weber gründlich recherchiert und widerlegte jedes Gerücht über ideologische Parteikonformität anhand schriftlicher Äußerungen in Briefwechseln und Lebensdaten, die über den Lehrstuhlverlust in Dresden, Ablehnung ausgeführter Aufträge und Alltagsmühsal Auskunft gaben. Der Lehrauftrag in Braunschweig erreichte Schiffers 1943 an der Front. Als guter Realist und handwerklich versierter Künstler war er der Meisterschule für das Handwerk genehm. 1941 zerstörte ein Bombenangriff alle Werke im Atelier. Nur wenige Arbeiten aus den 30er Jahren sind erhalten, die Mehrzahl entstand nach 1950.
Das Menschenbild seiner Skulpturen entspricht dem klassischen- konservativen Kunstideal, von hoher künstlerischer Qualität ist die Ausführung, spannungsvoll durchdacht und geformt, menschlich, lebendig im Ausdruck. Nach dem Krieg blieb er sich treu, betonte durch geometrische Straffung der Form den Inhalt. Sein Werk, sowohl im öffentlichen Besitz als auch der künstlerische Nachlass verdienen es bewahrt zu werden.
Marianne Winter